Mama(mia)-Kante im Karwendel

“Die lohnenste Tour im an der Kreuzwand” sagt mein Genußkletterführer zur “Mama-Kante” an der Kreuzwand (2132m). Gut genug also als Vorschlag für unsere Plaisir-Männer-Tour dieses Wochenende und mit einer UIAA Wertung von V+ gerade noch an der oberen Leistungsgrenze nach einem (sehr) faulen Sommeranfang. Ebenfalls die 400 Klettermeter sind nicht zu verachten! Doch eins nach dem anderen.
[exzo url=”” title=”Mama Kante in der Bildmitte”]MamaKante_2010_022.jpg[/exzo] Als mich Andreas informiert hat, dass er dieses Wochenende “Ausgang” hat, habe ich bei meiner Chefin gleiches erbettelt. Nach einer durchwachsenen Woche, sollte es am Wochenende deutlich besseres Wetter werden. So entschieden wir uns für eine Plaisirtour in den Alpen. Nach dem Führerstudium habe ich Andreas eine Auswahl an Routen vorgeschlagen und natürlich hat er unter diesen die Längste und Schwierigste ausgesucht … der Stoff aus dem die Heldengeschichten sind. Der Plan sah vor, mal nicht mitten in der Nacht aufzustehen, sondern relaxed am Samstag nach dem Frühstück gen Süden zu tingeln, gemütlich aufzusteigen und dabei allen ergeizigeren Kletterern den Vortritt zu lassen um dann gemütlich die Tour zu steigen und am selben Abend wieder heim zu fahren. Natürlich kommt bei den lohnenswerten Geschichten nicht alles so, wie es der Plan vorsieht.
[exzo url=”” title=”Andreas fotografiert das Fernrohr”]MamaKante_2010_001.jpg[/exzo] Zum ersten hatte ich nicht mit dem Ferienanfang gerechnet. Gut das Andreas das im Blick hatte, denn Samstag steppte südlich der Linie Frankfurt (aM) – Nürnberg auf Autobahnen der Ferienstau. Aber ein Wochenende hat ja zwei Tage. Da für Sonntagabend lokal Gewitter angekündigt waren, haben wir uns entschlossen, doch etwas früher loszufahren. Kurz vor 7 Uhr habe ich Dexter geweckt und mich auf den Weg Richtig Mittenwald gemacht. Die Autobahn war frei und der Fernpass nur wenig voller. In der gut gemachten Zeit, habe ich noch flux Dexter günstig aufgefüllt.
Zwischen Neun und Halbzehn trafen wir uns auf dem Parkplatz der Karwendelbahn. Beim Materialcheck und der Besprechung des Aufstieges, war noch genug Zeit für ein kleines Frühstück. Laut Führer sind die Absicherungen in den Ver-Seillängen “bestens”, in den leichteren Seillängen “dürftig”. D.h. mit 10 Exen, annähernd so vielen Cams sowie zwei Sets Keilen sollten wir gut hinkommen.
[exzo url=”” title=”Im Tunnel zum Dammkar”]MamaKante_2010_002.jpg[/exzo] Auf dem Parkplatz haben wir uns dann kurzerhand umentschieden. Statt des Aufstieges zur Dammkarhütte, sind wir mit der Karwendelbahn auf die Westliche Karwendelspitze gefahren. Vor dort durch einen Tunnel ins Dammkar und anschliessend mit Abstieg zur Hütte, was ca. eine Stunde gedauert hat. Auf dem Weg zur Hütte haben wir natürlich nach der Kreuzwand und unserer Linie gesucht, aber mangels Detailwissen nicht gefunden. Der Hüttenwirt hat uns da dann leicht spöttisch ausgeholfen: “Da oben, wo die anderen 15 Seilschaften sind, da müßt ihr hin”. Auf die Frage ob er etwas anderes empfehlen könnte, nannte er nur Touren, welche “ein guter Mountainbiker” auch schaffen könnte (= III Grad UIAA). Na egal, wir blieben bei unserer Entscheidung und haben das zweite Frühstück in der Sonne und mit Bergpanorama genossen.
[exzo url=”” title=”Nach dem Tunnel und vor dem Abstieg zur Dammkarhütte”]MamaKante_2010_003.jpg[/exzo] Nach Plan waren wir mal wieder “light” unterwegs, d.h. ohne Rucksäcke in die Wand. Entsprechend haben wir nach der Pause alles an den Gurt gehängt und sind wie eine Herde Almkühe klingelnd Richtung Tour gestartet. Den Einstieg zu finden war sehr leicht und der Weg dahin unbeschwerlich. Interessanter Weise konnten wir am Einstieg nur eine Seilschaft ausmachen und soweit wir es sahen, war keine Seilschaft in der unteren (einsehbaren) Hälfte der Tour. Bessere Voraussetzungen als erwartet!
Nach dem 20minütigem Zustieg kamen wir am Einstieg an. Die erspäte Seilschaft war immer noch am sortieren und diskutieren (“…aber im Kurs hat er das so gesagt…”). Noch dazu ein nagel-neue Seil erspähend erkannte Andreas unsere Chance. Also Alarmstart, kurz um Erlaubnis gebeten und weg waren wir. Die nach uns folgende Berliner Seilschaft, stellte sich da bereits auf eine längere Wartezeit ein.
[exzo url=”” title=”Am Standplatz nach der ersten SL”]MamaKante_2010_004.jpg[/exzo] Gegen 12 Uhr began ich mit dem Klettern. Die erste Seillänge (SL) ist V gewertet und damit schon eine der schwereren. Alle schwierigen Seillängen sind ungerade, d.h. wer einsteigt kommt in den Genuß der interessanteren Vorstiege. Genau genommen sollte ich das eigentlich zurück nehmen, aber dazu später mehr. Zurück zu den ersten Klettermetern: Die Kletterei war leicht, der Hakenabstand gut, die Tour eindeutig erkennbar, die Sonne schien und schon fand ich mich am ersten Standplatz (nur 1 Ring). Auch wenn ich etwas von der Hektik am Start genervt war, alles in allem ein angenehmer Anfang. Seil durchgezogen, Bild gemacht und Andreas hoch geholt. Die zweite Seillänge (UIAA: IV) ist Andreas vorgestiegen. Wie die ersten Meter setzte sich die Kletterei an der Kante fort, wenn auch etwas leichter. Die Erinnerungen an die dritte und vierte Seillänge sind verschwommen, da es wie bisher weiter ging: ploblemlose Genußkletterei ohne Stress. Insbesondere kein Stress durch die nachfolgenden Seilschaften. Beim Sichern von Andreas’ Vorstieg in der zweiten SL schloss die Vorsteigende zwar auf, aber bereits in der dritten hatten wir eine komplette SL Vorsprung.
[exzo url=”” title=”Nach der zweiten Seillänge”]MamaKante_2010_005.jpg[/exzo] Die Fünfte Seillänge stand an. Laut Führer ist hier die Schlüssel-SL mit einer Wertung von V+ und einer Länge von 50m. Etwas irritiert hat mich dieser Tourenbericht. Der zwar von vielen Sicherungen, aber einer schwierigen Wegfindung sprach. Diese Grundspannung hat sich nicht gelöst, als ich nach 10-15m den eigentlich Standplatz nach der vierten SL erreichte. Nach kurzer Rücksprache habe ich das gemacht, was ich mir vor etwas mehr als fünf Jahren geschworen hatte nie -NIE- wieder zu tun: ich kletterte weiter. Wie damals auch, stecke ich alsbald in der Crux der Tour mit massiver Seilreibung. So kämpfte ich mich gegen Seil und Wand weiter. Positiv festzuhalten wäre, dass die Route klar zu lesen war und der Weg zum nächsten Standplatz ohne Probleme zu finden ist. Die Schwierigkeit ist mit V+ gut bewertet und wer in der ersten SL keine Probleme hatte, wird hier auch keine bekommen.

[zonoex url=”” title=””]MamaKante_2010_007.jpg[/zonoex] Da ich nun mehr als die geplanten 50m geklettert bin, brauchte ich auch nicht mehr viel Seil am Standplatz durchziehen, um Andreas nachholen zu können. Da allerdings war ein echter Kraftakt. Zumindest merkte ich dann, als Andreas oben war, dass mich diese SL einiges gekostet hat. Schnell ein Powergel und sich selbst dran erinnern, dass es ab jetzt einfacher werden würde … dachten wir.
[zonoex url=”” title=”Studie »Oh, da ist ja ein Kamera«”]MamaKante_2010_008.jpg[/zonoex] Die sechste Seillänge beginnt mit einer horizontalen Querung über ein schrofiges Gelände. Nach einer plattigen Wand weiter links über eine Verschneidung und links um Felsen zum Stand. So oder so ähnlich sagt es der Führer und die gefundenen Tourenbeschreibungen. Vom Standplatz aus gesehen war uns diese Linie aber vollkommen unklar. Also statteten wir Andreas mit der Masse der Cams und einer guten Portion Mut aus und los gings. Queren, klettern, kein Haken, queren, klettern … und immer noch kein Haken in Sicht. Hier und da ein Cam gelegt (ist ja ein “dürtig abgesicherte” IVer SL) aber langsam war das Seil zu Ende und Andreas Routensuchkreativität ebenfalls. Also provisorisch einen Stand gebaut und ich hinterher.
[exzo url=”” title=”Trotz Topos schwierige Wegführung”]MamaKante_2010_006.jpg[/exzo] Dort angekommen haben wir’s uns erstmal gemütlich gemacht und die Topos studiert (auf der Querung dahin hatten wir eine weitere im Fels gefunden … ein gutes Zeichen?). Zwischen allen Alternativen war “clean weiter” dann die ansprechendste. D.h. ich habe die Material und Mut übernommen und mir meinen Weg ohne Bohrhaken und klare Linie gesucht. Nach einer geschätzten SL habe ich dann einen Stand gebaut und Andreas nachgeholt. So haben wir uns unseren eigenen Weg durch die Wand gebahnt. Nach einiger Zeit sind wir auf Kletterer weiter Links aufmerksam geworden. Sobald diese in Kommunikationsreichweite waren, erfuhren wir, dass diese auf der “Joe Muff” unterwegs waren, welche der direkte Nachbar zur Mama-Kante ist. Ausserdem wurde uns gesagt, dass diese beiden Routen nach der 10. SL einen gemeinsamen Stand haben. Da die Jungs links von uns waren und die Mama-Kante von rechts kommen musste, entschlossen wir uns gerade hinauf zu klettern, bis wir eine der beiden Routen finden würden. Dieser Plan ist aufgegangen und so waren wir kurz nach der Seilschaft zu unserer Linken am gemeinsamen Stand. Durchatmen!
[exzo url=”” title=”Entlang der Kante (zumindest die erste Hälfte)”]MamaKante_2010_009.jpg[/exzo] Da die beiden anderen von der “Joe Muff” etwas gelangweilt waren, wollten sie den letzten zwei Seillängen der Mama-Kante folgen. Das war uns nur recht, da wir so einfach nur hinterher mussten. Doch ob wir da wirklich den richtigen Weg geklettert sind, wußten wir zum Schluss allesamt nicht. Denn auch hier gingen die Bohrhaken schnell aus und es war kein Standplatz in Sicht. Mit genug Material war das natürlich kein Problem, aber mit Plaisir hatte das nicht mehr viel zu tun. Die letzten Meter vor dem Gipfel waren dann “Gehgelände”, so dass wir schon die Seil aufwickelten und die Schuhe wechselten. Nach ziemlich genau der veranschlagten Zeit von vier Stunden waren wir unterm Gipfelkreuz auf 2132m Höhe.
[zonoex url=”” title=”Unterm Gipfelkreuz”]MamaKante_2010_015.jpg[/zonoex] [exzo url=”” title=””]MamaKante_2010_016.jpg[/exzo] Das Gipfelkreuz hatten wir überraschender Weise für uns allein. Die Joe Muffer hatten bereits den Abstieg begonnen und von den beiden Seilschaften hinter uns war weit und breit niemand zu sehen. Während Andreas wie ein Duracell-Häschen von Stein zu Stein gehüpft ist, um Fotos von der schönen Umgebung zu machen, war ich froh über ein paar Minuten Pause. Auf den letzten Seillängen hatte ich meinen Akku aufgebraucht. Zwar waren wir noch nicht wieder vom Berg runter, aber laut Führer war der Abstieg in 45min erledigt. Zwar war mit kurzen Klettereien auf dem Weg zum Hauptgipfel gedroht, aber das Schwierigste war wohl überstanden.
Und so setzten wir uns ein paar Minuten später und kurz vor der endgültigen Lethargie wieder in Bewegung Richtung Hütte. Den ersten Felskopf konnte man bequem umgehen, den zweiten locker überklettern, aber schon beim dritten Hindernis auf dem Weg zum Hauptgipfel standen wir neben der nicht weniger überraschten Gruppe von vorher. Die angekündigten Ier bzw. IIer Stellen waren mit Borhaken versehen und weder von denen noch von uns ohne Seil erkletterbar. Hmm … eine viertel Stunde war schon vorbei und wir waren dem Hauptgipfel nur unwesentlich näher.
[zonoex url=”” title=”Auf dem Weg zum Hauptgipfel: Um den Block …”]MamaKante_2010_017.jpg[/zonoex] [zonoex url=”” title=”Auf dem Weg zum Hauptgipfel: … oder drüber”]MamaKante_2010_018.jpg[/zonoex] Um die Zeit etwas zu raffen: Wir haben 1.5h bis zum besagten Gipfel auf über 2200m gebraucht, welcher der Ausgangspunkt für den eigentlichen Abstieg über die Viererscharte ist. Allerdings war uns der Weg vom Gipfel zur Scharte gruselig (brökelig und steil), so dass wir eine Bandschlinge um einen Block gelegt und uns daran zum nächsten Absatz abgeseilt haben. Auf dem Weg dahin haben wir einen Bohrhaken und damit den Beginn einer Abseilroute gefunden. Diese hat uns den größten Teil des Weges abgenommen. Die letzten 30m hat mich Andreas abgelassen und ist sie dann selber abgeklettert (um nicht mehr Material am Berg zu lassen).
[zonoex url=”” title=”Absteig mit Hauptgipfel im Hintergrund”]MamaKante_2010_019.jpg[/zonoex] [exzo url=”” title=”Blick vom Sattel hinunter auf den Kar”]MamaKante_2010_020.jpg[/exzo] Der Weg von der Scharte zur Hütte war dann ereignislos aber ertaunlich angenehm. Das lose Geröll auf dem Kar konnte man gut runterschlittern. Drei Stunden nach dem Gipfelkreuz der Kreuwand kamen wir wieder zur Hütte. Kaum angekommen lachte mich auch schon ein großes Spezi an, da Andreas mein fußlahmes Tempo für ein kühles Bier aufgegeben hatte.

[zonoex url=”” title=””]MamaKante_2010_021.jpg[/zonoex] Etwas zu trinken und eine Chance die Füße auszuruhen waren der Himmel auf Erden, den der Liter Wasser am Gurt hat auch nur gerade so gereicht. Mittlerweile war es nach Sieben und damit Acht Stunden nachdem wir an der Hütte aufgebrochen sind. Aber während sich unsere Körper langsam erholten, machten wir uns ein wenig Sorgen um die beiden Seilschaften hinter uns. Das letzte Mal sahen wir sie, als wir am Hauptgipfel waren. Sie waren zu viert gerade mal in der Hälfte der Wand…

[zonoex url=”” title=””]MamaKante_2010_023.jpg[/zonoex] Der Weg zurück zum Auto führte zuerst auf einem guten Wanderweg zu einer alten Poststrasse und von dort nach insgesamt anderthalb Stunden zum Parkplatz der Karwendelbahn. Mittlerweile war ich über den Punkt der Schmerzen hinaus und folgte Andreas in blinder Zuversicht, dass zu Hause alles besser werden würde. Das ich den nächsten Tag nicht auf Arbeit gehen würde, war mir schon auf den letzten Seillängen klar. Mittlerweile war es Neun Uhr durch und die Antrengungen des Tages hätten mich eigentlich instantan umhaune müssen. Aber Dexters freudige Erscheinung hat mir genug Elan gegeben, dass ich mich umgezogen habe und mich auf dem 2 1/2h Heimweg machte.

Eigentlich hätte die Geschichte hier ein Ende haben können, aber das Wetter hält noch einen Abschnitt für uns bereit. Sobald ich auf dem Fernpass war, hatte ich am Horizont ein prächtiges Lichterspiel zu bestaunen. Die angekündigten Gewitter tobten doch noch. Bis kurz nach Kempten blieb es beim fernen Feuerwerk. Und von einem Moment auf dem nächsten war ich mittendrin! Innerhalb weniger Meter stand die Autobahn so dermaßen Unterwasser, dass hochspritzendes Wasser vorn (!) über die Moterhaube kam. Zum Glück war ich (fast) allein auf der Autobahn, was bei den Umständen auch kein Wunder war. Blitze tauchten die Umgebung für Sekundenbruchteile in greißend helles Licht und Dexters radargebundene Assistenten fielen nach und nach aus. An Radio oder Telefonieren waren auf Grund der Lautstärke nicht zu denken. Aber der Mix aus Extase und Angst verdrängte die Anstrengungen des Tages und pumpten Adrenalin durch den Körper, was lange genug anhielt um Dexter vor dem Haus abzustellen. Das Einparken um Mitternacht habe ich dann schon Anne überlassen! Und noch ein paar Impressionen ohne weitere Worte:

[zonoex url=”” title=””]MamaKante_2010_010.jpg[/zonoex] [zonoex url=”” title=””]MamaKante_2010_011.jpg[/zonoex] [zonoex url=”” title=””]MamaKante_2010_012.jpg[/zonoex] [zonoex url=”” title=””]MamaKante_2010_013.jpg[/zonoex] [zonoex url=”” title=””]MamaKante_2010_014.jpg[/zonoex]

5 Responses [Umgekehrte Reihenfolge]

  1. Just another Spammer
    #81513
    5

    Hi,
    Nice pic.. and location dude. I think you are a brave man as the location looks dangerous….
    please keep update more and more nice pic…
    thanks for sharing your interesting journey with us.

  2. nick Q
    #80727
    4

    you’re very brave friend, where is its location

  3. TAS Flowrance
    #80665
    3

    You are a brave man. This is very dangerous!

  4. #80334
    2

    hehe, so ist das, wenn mit einmal die bohrhaken aufhören, der fels brüchiger wird und man heil froh ist, dass man so viele cams und keile dabei hat.

  5. biggi
    #80308
    1

    absolutes favorit Bild: “Trotz Topos schwierige Wegführung” und das viertletzte 🙂 – da hat wohl auch die Ordnung ein Ende gehabt, was? 😉

    coole tour!