Ein Kletterseil geht in Rente

Das Seil ist für die meisten Kletterer ein elementares Sportgerät. Über die Zeit sammelt man einige von ihnen an: In meiner noch recht jungen Kletterkarriere sind es mittlerweile immerhin schon 5 verschiedene. Die Belastungen und die kritische Rolle bei der Sicherung erklären, dass Seile kein ewiges Leben haben.
Doch was machen mit den gebrauchten Seilen? Eine der schönsten Ideen ist es, aus dem Seil einen Teppich zu machen. Denn so wird der Lebensretter in der Rente noch zum visuellen Quell schöner Erinnerungen an den Fels.

Zur Herstellung von Seilteppichen gibt es im Netz einige Beschreibungen (Suchbegriff: “Rope Rug“). In der Anfangszeit meines ersten Seiles bin ich zufällig über diese Beschreibung gestolpert. Seitdem stand fest, dass ich so etwas auch ausprobieren möchte. Eine anderer Weg zum Seilteppich wird hier beschrieben (vielleicht wenn wir mal einen Fußabtreter brauchen).

Hier nun ein kleiner Abriss, wie ich mein Seil in Rente geschickt habe. Die erste zu klärende Frage war: Rund oder Oval? Die Runde Form erscheint natürlich und ist schnell mal hingelegt. So bekommt man auch ein Gefühl für Größe, Optik und Haptik des neuen Teppichs. Die ovale Form ist etwas schwieriger zu legen, da der minimale Seilradius einen extra »Kern« bzw. ein Loch beim Probelegen verlangt.
[exzo url=”” title=”Rund oder Oval – erstes Probelegen”]teppich2010_001.jpg[/exzo] Für uns stellte sich trotzdem die ovale Form als besser für die spätere Verwundung heraus. Einen »Läufer« können wir eher brauchen als einen großen Untersetzer.
Das Verhältnis zwischen Länge und Breite habe ich beim Probelegen aus dem Bauch heraus entschieden. Es stellte sich heraus, dass der Kern (aka das Loch in der Mitte) ziemlich genau einen halben Meter lang war. Der minimale Biegeradius des Seiles verlangt bei dem alten Seil ca. 3 Seilbreiten, welche ich kurzerhand einfach abgeschnitten habe.
[exzo url=”” title=”Messer am Seil? Bitte erst nach der Ausmusterung.”]teppich2010_003.jpg[/exzo] Ich könnte nicht sagen, was ich erwartet habe. Die Leichtigkeit mit der das Messer durch das Seil glitt, hat mich erschreckt. Zum Glück ist der Fels selten so scharf-kantig wie das Keramikmesser, aber trotzdem hatte ich mir etwas mehr Widerstand erhofft. Den mittleren Strang des dreiteiligen Kernstücks habe ich übrigens 1cm länger gemacht, um den Bogen der Seilbiegung möglichst komplett auszufüllen (siehe dazu auch das Close-Up Foto vom Kernstück am Ende).
[exzo url=”” title=”3 Stränge à 50cm für den Kern des Ovals”]teppich2010_004.jpg[/exzo] [exzo url=”” title=”Kleines »Making Of« des obigen Bildes”]teppich2010_005.jpg[/exzo] Um einen reibungslosen Ablauf bei der letzten Wicklung zu gewährleisten, habe ich das Seil noch ein paar Mal durchgezogen. Ein Aushängen vom Balkon fiel wegen der schlechten Witterung aus. So entstand das liebevoll arrangierte »Letzte Kneul«.
[exzo url=”” title=”Das Letzte Kneul”]teppich2010_006.jpg[/exzo] Auch in diesem Fall ist aller Anfang schwer. Der Teppich soll handfest zusammengelegt werden. Ist die Wicklung zu locker, entstehen unschöne Lücken und die Festigkeit des Gesamtwerkes ist gefährdet. Wird der Teppich zu stramm zusammengelegt, springen die Windungen schnell übereinander. Bei der ovalen Form verzieht man zudem schnell das gerade Kernstück, wenn die Ringe zu fest gezogen werden.
[exzo url=”” title=”Aller Anfang ist schwer”]teppich2010_007.jpg[/exzo] Um mir die Arbeit zu erleichtern, habe ich die losen drei Stränge mit der ersten Windung zusammen ge”tape”t. Das so an drei Stellen fixierte Kernstück konnte ich nun immer drehen und somit sehr schnell das gesamte Seil kringelfrei aufwickeln. Ein gut ausgehangenes Seil ist hier sehr von Vorteil. Sind alle Windungen handfest verlegt, kann man leicht das Tape vom Kern entfernen und zum nächsten Arbeitsschritt über gehen.
[exzo url=”” title=”Die ersten Stränge mit Tape fixiert und ruck-zuck ist der Teppich aufgewickelt”]teppich2010_010.jpg[/exzo] Bevor ich mit dem Billig-Silikon aus dem Baumarkt das Parkett versaue, habe ich den aufgewickelten Teppich auf eine Unterlage gezogen. Den Prozess hatte ich mir leichter ausgemalt, als er dann zum Schluss war. Aber mit viel Geduld und zwei großen Küchenmessern war auch das bald erledigt (Profi-Tipp: das Seil schon auf der Unterlage aufwickeln).
[exzo url=”” title=”Billig-Silikon aus dem Baumarkt”]teppich2010_011.jpg[/exzo] Laut Beschreibung wird der Teppich jetzt mit Fugen-Silikon verklebt. Um maximale Unauffälligkeit zu garantieren, habe ich transparentes Silikon genommen. Nach dem Motto “Viel hilft viel” haben wir Runde um Runde mit Silikon gefüllt und mit einem Stück Karton breit geschmiert.
[exzo url=”” title=”Viel hilft viel”]teppich2010_012.jpg[/exzo] [exzo url=”” title=”Runde um Runde aufgetragen und breit geschmiert”]teppich2010_013.jpg[/exzo] Das silikonieren war erstaunlich anstrengend und hat gut drei Stunden in Anspruch genommen. In der Anleitung steht eine Tube Minimum, zwei Tuben sind besser. Wir haben für das 50m Seil 3.5 Tuben verbraucht. Dafür hatten wir danach auch eine gleichmäßige Silikonschicht auf dem gesamten Seilteppich. Das anfällige Seilende habe ich erstmal mit Tape gesichert.
[exzo url=”” title=”Anne bei der Arbeit”]teppich2010_014.jpg[/exzo] Der nächste Arbeitsschritt ging wie von allein. Das Silikon muss trocknen und hat dafür zwei Tage bekommen. Trotz eisiger Kälte und der jungen Chilli-Pflanzen auf dem Fensterbrett mussten wir mehrmals täglich lüften. In drei Tuben Silikon steckt einiges an Lösungsmitteln, so dass die Luft in unserem Arbeitszimmer schon unter das Betäubungsmittelgesetz fiel.
[exzo url=”” title=”Fertig und getrocknet”]teppich2010_015.jpg[/exzo] Der letzte Schritt zu unserem ersten Seilteppich sieht das Fixieren der Rückseite vor. Dazu soll man diese mit DUCT Tape verkleben. Kein Problem dachte sich der Panzertape-Meister, aber denkste! Silikon ist die erste Oberfläche die ich kenne auf dem das Tape überhaupt nicht halten wollte. Da Anne von der ganzen Taperei* sowieso nicht begeistert war, habe ich meine Versuche nach vier Bahnen aufgegeben.
[exzo url=”” title=”Fixieren der Rückseite mit Tape…”]teppich2010_016.jpg[/exzo] [exzo url=”” title=”…und umschlagen am Ende”]teppich2010_017.jpg[/exzo] Jetzt liegt der Teppich ohne weitere Fixierung. Durch die Silikonunterseite ist er erstaunlich bewegungsresistent (Anne rutscht auf den anderen Läufern bei flotten engen Kurven oft samt Teppich gegen die Wand). Ob das Silikon den Langzeittest besteht, ist bis jetzt noch unklar. Das Seilende, welches bei uns an einer langen Seite liegt, möchten wir noch annähend fixieren. Alles weitere zeigt sich dann im Laufe der Zeit.
[exzo url=”” title=”Gebrauchtes Seil zu verkaufen, fast neuwertig”]teppich2010_018.jpg[/exzo] [exzo url=”” title=”Der fertigen Seilteppig: Close-up vom Kern”]teppich2010_020.jpg[/exzo] [exzo url=”” title=”50m Seil in Rente”]teppich2010_021.jpg[/exzo] * glaube das liegt vor allem an meinem alten Wasserkocher … <schnüff> … möge er in Frieden ruhen! Wie schon von einige Leser bemerkt haben, ist das auch ein Fußabstreifer erster Klettergüte!

2 Responses [Umgekehrte Reihenfolge]

  1. turbocharger (i just have a heart for all spammers!)
    #80903
    2

    great information, thanks for sharing it.

  2. Thomas Eggenstein
    #78153
    1

    Hallo Anne, Hallo Thomas!

    Die Anleitung für den Seilteppich finde ich erstklassig! Die graue Silikonspritzmaschine habe ich ja schon, jetzt fehlt mir nur noch das Keramik-Messer (@Anne: da lasse ich mir was von unserem Keramik-Fachmann Matthias empfehlen…) und das Seilkneul. Ach ne, das habe ich ja eigentlich schon: Ein Fadenvorhang ist vom Umzug noch übrig geblieben. Hoffnungslos verheddert. Damit starte ich , muss ja nicht gleich so massiv wie Euer Teppich werden.

    Grüße,

    Thomas